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Für Rolf Noormann als neuer Pfarrer der Paulusgemeinde hat Sport großen Stellenwert. Bild: Peter Hillgärtner.

„Das ist schon ein Unterschied. In Frankfurt die Zeil, hier der Seltersweg!“ Kulturschock will es Rolf Noormann nicht nennen. Denn er wusste ja, was auf ihn zukommt. Aber die Umstellung war gar nicht so einfach nach 30 Jahren Leben in der Main-Metropole. Nach langer Zeit als Pfarrer in einem Altenpflege-Heim in Frankfurt-Sachsenhausen nun der Wechsel in die Gießener Nordstadt, als Seelsorger der Evangelischen Paulusgemeinde. Aber nach zehn Monaten ist der 60 Jahre alte Pfarrer bereits heimisch geworden. „Es ist eine Herausforderung, hier mittendrin zu wohnen. Es ist kein Statuspfarrhaus. Aber für mich stimmt das“, hat Noormann den Schritt nicht bereut. Schließlich hat er sich ja für die Stelle beworben. Und wurde nicht zwangsdelegiert.

In die Pfarrwohnung im Anbau an die Kirche mit Blick über fast die gesamte Nordstadt geht es zwei Stockwerke hoch. Kein Aufzug als Alternative. Das ist aber für Rolf Noormann kein Problem. Dafür ist er viel zu sehr Sportler, als dass er diesen Aufstieg nicht locker nehmen würde. Sport begleitet den Seelsorger von Kindesbeinen an. Und hat den entsprechenden Stellenwert. So musste er mancher Kirchengemeinde klar machen, dass an bestimmten Abenden keine Bibelstunde stattfinden konnte. Da hatte er schließlich Handball-Training. Mit dieser Vergangenheit verwundert auch nicht, dass Rolf Noormann schon über 30 Jahren Mitglied im Arbeitskreis Kirche und Sport der Evangelischen Kirche in Hessen und Nassau (EKHN) ist, seit etlichen Jahren federführend.

„Die Idee war, dass sich Pfarrer an der Basis des Sports einbringen“, blickt er auf die Ursprünge der sportlich-kirchlichen Initiative bei evangelischen Christen zurück, die ihr Pendant bei den Katholiken im DJK-Sportverband (Deutsche Jugendkraft) hat. Inzwischen kann der Arbeitskreis (AK) stolze 50 Jahre Bestehen vorweisen. Mitte/Ende der 60er Jahre ging durch die Aktivitäten des Langgönser „Olympia-Pfarrers“ Karl Zeiß ein sportlicher Schub aus.

Seit 2004 ist der Arbeitskreis offiziell anerkannt in der EKHN. „Aber ansonsten sind wir eher ein Exot innerhalb der Kirche“, schmunzelt Noormann, trotz der mittlerweile vielen Aktivitäten, die der ehrenamtlich tätige AK vorweisen kann. Und die sich nicht nur in den – auch von Noormann mit großem Engagement bestrittenen – Auftritten der Pfarrer-Fußballmannschaft erschöpfen.

Dabei ist ihm die Arbeit an der Basis ein Herzensanliegen – sowohl im Pfarramt als auch im Arbeitskreis. Diesbezüglich hat ihn offensichtlich Otto Seesemann stark geprägt, der ehemalige Gemeinde- und Gefängnis-Pfarrer aus Butzbach und engagiertes AK-Mitglied. „Er war ein erdgebundener, solider Pfarrer, immer vor Ort“, blickt Noormann zurück auf den in Butzbach immer noch aktiven Pensionär.

Er weiß aber auch um das Dilemma des Arbeitskreises. Zum einen der Versuch, an der Basis zu arbeiten, zum anderen immer wieder Aktionen, die auf Events angelegt sind. „Durch die Events werden wir natürlich interessanter“, könne sich der AK dem sich verändernden Umfeld nicht entziehen. „Die schönsten Erfahrungen sind aber immer noch die, mit Leuten vor Ort ins Gespräch kommen zu können“, sind für Rolf Noormann Kontakte beim Konfi-Cup (meist in Dörfern) genauso wichtig wie bei den Ökumenischen Läufen oder beim Deutschen Turnfest in Frankfurt 2009, bei dem der Arbeitskreis mit einem Stand vertreten war. „Es müsste doch einen Weg geben, wo sich beides miteinander vereinen ließ: Das Wort des Herrn und der Sport als Freude und Trost für den Menschen!“ Der Rückblick von Dieter Wiegand als AK-Vorsitzender beim 25-jährigen Jubiläum 1992 hat weiter seine Bedeutung.

Allerdings hat Rolf Noormann einen Wandel bei den Pfarrern festgestellt. Früher hätten sich seine Kolleginnen und Kollegen mehr in den Vereinen eingebracht, jetzt würden sie verstärkt Individualsport betreiben. So sind nach seiner Erfahrung immer mehr Pfarrer sportlich aktiv – aber nur wenig über die Gemeinde oder das Dekanat hinaus. Mit diesen Veränderungen sind auch Konflikte aus früheren Jahr(zehnt)en längst kein Thema mehr. Beispielsweise Auseinandersetzungen, wenn zeitgleich zum Konfirmandenunterricht Trainingszeiten angesetzt waren. „Das hat sich völlig verändert. Früher hatten die Pfarrer da meist eine ganz andere Einstellung“, blickt Noormann zurück. Andererseits seien inzwischen auch viele ehrenamtlich Tätige sowohl in der Kirche als auch im Sport aktiv.

Im Gegensatz dazu hat der Stellenwert der im Sport tätigen Pfarrer innerhalb der evangelischen Kirche gelitten. Sportpfarrer (wie den ehemaligen Gießener Volleyballer Klaus-Peter Weinhold) gibt es nicht mehr. „Überall ist personell abgebaut worden“, bedauert auch Noormann. Dennoch weiß er, dass es in seiner neuen (und alten) Heimat viele sportaffine Kirchenleute gab und gibt. Über Karl Zeiß und Klaus-Peter Weinhold hinaus beispielsweise der jüngst verstorbene Gießener Pfarrer Hans Alfred Noll, der aus Garbenteich stammende Sportfunktionär Rolf Lutz oder der aus der Kolping-Familie kommende Geher Alfred Schnabel. Dass hier kaum jüngere Semester zu finden sind, verwundert nicht. Denn zuletzt rückten überwiegend Mitstreiter aus dem Frankfurter und Darmstädter Raum im AK nach.

Für Rolf Noormann ist das im Blick auf den Arbeitskreis kein Problem. Schließlich sieht er sich als Mittelhesse, der mit der Familie in den Dillkreis zugezogen und in Dillenburg zur Schule gegangen ist. Der in Heuchelheim gewohnt, kirchliche Sozialarbeit am Brennpunkt Margaretenhütte in Gießen gemacht und Handball beim TSV Atzbach gespielt hat. Der aber auch herumgekommen ist. Das Theologie-Studium führte ihn nach Bielefeld („Bethel war sehr spannend“), Tübingen und Marburg. Das Vikariat nach Limburg. Die ersten Pfarrstellen nach Ober-Erlenbach und Frankfurt-Bonames. Und dann zuletzt in die Seniorenarbeit nach Sachsenhausen. Und nun in die Paulusgemeinde in Gießen. „Die Stelle in Frankfurt ist weggefallen. Ich bin froh und dankbar, dass sich der Kirchenvorstand hier für mich ausgesprochen hat, obwohl ich nur sechseinhalb Jahre im Amt sein kann“, blickt er dem Ende seines Berufs bereits entgegen. Dabei unterschlägt er nicht, dass er sich bewusst für diese Stelle beworben hat. „Es ist ein sehr gemischtes Publikum hier“, umschreibt er in seinem Arbeitszimmer mit Blick auf sein Arbeitsfeld diplomatisch seine neue Kirchengemeinde in der Gießener Nordstadt. Wohlwissend, dass der Vergleich hinkt, verweist Noormann darauf, dass er im Altenpflegeheim viel mit Armen und Obdachlosen zu tun gehabt habe.

Einerseits weiß der neue Pfarrer um den guten Ruf der Gemeinde, andererseits sind ihm auch die bescheidenen finanziellen Mittel bekannt, die dieser zur Verfügung stehen, um dringend notwendige Veränderungen herbeizuführen. Sein Ziel ist (auch im Sport) die „Schaffung von ganz vielen Kooperationen mit Akteuren der Nordstadt“. Und er ergänzt: „Mein Wunschtraum wäre die Zusammenarbeit mit dem Sportverein Blau-Weiß.“ Da ist sie wieder, die Arbeit an der Basis. Für verschiedene (Sport-)Gruppen stellt die Gemeinde bereits Räume zur Verfügung. Ein größeres Projekt, um ein breiteres Fundament zu schaffen, ist der Wunsch nach einer kleinen Turnhalle („Für die Nordstadt“) als Ergänzung zu Kindertagesstätte und Familienzentrum. Nicht nur bei diesem Projekt arbeitet er eng mit Kita-Leiterin Iris Cölinski zusammen – einer ehemaligen Handballerin, nur am Rande. So sehr der Handballsport auch das Leben von Rolf Noormann geprägt hat („aktiv bis 2006“), ist er erst vergleichsweise spät dazu gestoßen, mit 15 Jahren. Davor und daneben waren seine Interessen vielschichtig: Turnen, Basketball, Volleyball. Und vor allem Tischtennis. Hier habe er größeres Talent gehabt, schätzt er sich ein. Doch die Fahrten zu den Sichtungslehrgängen in Gießen und die damit verbundenen Terminprobleme mit der Kirche hätten ihm die Lust an diesem Rückschlagspiel verleidet. Denn das Ziel Pfarrer stand schon früh fest. „Obwohl ich nie der Herr Pfarrer sein wollte und immer im Clinch gelegen habe mit der klassischen Pfarrerrolle.“ Wobei er noch einmal (mit einem Schmunzeln) die terminlichen Kollisionen mit seinen Trainingsstunden zitiert.

So freut ihn natürlich, dass seine vier Kinder aus erster Ehe („Wir haben damals während des Studiums geheiratet.“) alle die sportliche Ader von ihm geerbt haben. „Und ich glaube, sie haben auch meine soziale Einstellung.“ Zudem hat ihn der Nachwuchs, zwischen 36 und 24 Jahren alt, bereits zum dreifachen Großvater gemacht. Dabei hat sich der Familienstatus im Hause Noormann dieser Tage noch einmal grundlegend geändert. Denn zu Beginn dieser Woche hat er seine langjährige Lebenspartnerin Christel Arens-Reul (früher ebenfalls Gemeindepfarrerin, jetzt an der Brüder-Grimm-Schule in Kleinlinden tätig und auch Mitglied im AK Kirche und Sport) geheiratet. Die Trauung fand im kleinen Kreis in Oberstdorf statt. Und danach ging es im wahrsten Sinne des Wortes auf sportliches Terrain. Über die Alpen auf dem E5-Fernwanderweg nach Meran. Die Gießener Paulusgemeinde hat einen sportlichen Pfarrer erhalten.

Artikel von Albert Mehl