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Foto: Dieter Becker.

Eine Reportage von Johannes Lösch.

Die Justizvollzugsanstalt (JVA) Frankfurt lädt einmal im Jahr zum Hallenfußballturnier „Drinnen gegen draußen“ ein. Häftlinge spielen dann gegen Angestellte des Gefängnisses oder gegen Betriebsmannschaften aus Sport und Gesellschaft. Auch ein Team von evangelischen Pfarrern hat mitgespielt, den 6. Platz erreicht und dabei im Gefängnis Erfahrungen gesammelt - auf und jenseits des Fußballplatzes.

Noch zehn Meter, der Ball klebt eng am Fuß, vorbei am letzten Verteidiger, fünf Meter noch zum Torwart, der die linke Torhälfte zustellt. Und zack! Hängt der Ball im Tornetz, in der Torwartecke. Ich drehe mich um, jubele aber nur verhalten. Das Tor ändert am Spielverlauf nicht mehr viel, denn kurz vor Ende der 10 Minuten Spielzeit steht es jetzt 4:1 – gegen uns. Die Fußballmannschaft des Polizeipräsidiums Südosthessen qualifiziert sich damit fürs Halbfinale, die Pfarrer der EKHN können duschen gehen. Aber richtig traurig ist keiner der anwesenden Pfarrer. „Keiner verletzt, das ist die Hauptsache“ ist der Tenor in der Kabine. Und schlecht gespielt hat die Mannschaft auch nicht. Gegen zwei Teams von Frankfurter Untersuchungshäftlingen erkämpfte sie sich einen 2:0-Sieg und ein 0:0 Unentschieden. Gegen die beiden stärksten Gruppengegner, Amts- und Landgerichtsbeamte aus Aschaffenburg und die Mannschaft des Polizeipräsidiums, war aber nichts zu holen.

Seelsorger im Gefängnis - ganz normal

Die Gefängnisseelsorgerin der JVA Frankfurt, Lotte Jung, hat die Pfarrer zum Turnier eingeladen. Sie kennt den Alltag im Gefängnis und weiß, wie wichtig Abwechslung ist: „Die Anstalt ist im August 2011 eröffnet worden und ist DAS neue Hochsicherheitsgefängnis in Deutschland. Bei der ganzen Technik hier ist das Turnier ganz wichtig, damit Gefangene und Betreuer und auch Leute von außen miteinander in Kontakt kommen.“

Lotte Jung, die Seelsorgerin im Gefängnis, freut sich, dass die Sportverantwortlichen der JVA jedes Jahr das Turnier „Drinnen gegen draußen“ auf die Beine stellen. „Es sorgt dafür, dass ich weniger Seelsorge machen muss, weil es den Jungs jetzt beim Fußball gut geht. Das ganze Haus wird jetzt entspannt sein.“ Sie ist die Ansprechpartnerin für alle Insassen, die zu ihr kommen wollen. In den vier Jahren Dienstzeit in Frankfurt hat sie ihre Sprachkenntnisse in Englisch, Französisch, Russisch, Arabisch verbessern können. Auch ein bisschen Albanisch und Romanes (die Sprache der Roma) könne sie verstehen. „Oft lasse ich meinen Gesprächspartner dann seine Gefühle in seiner Muttersprache ausdrücken, damit die Worte schon im Raum stehen. Und dann klappt es mit vereinten Kräften auch, das so auszudrücken, dass wir darüber ins Gespräch kommen. Zum Beispiel, wenn ein Häftling mir sagt: „Ich fühle mich wie ein Hund, der getreten wird.“ Solche einfachen Bilder sind in der Situation viel stärker als viele Worte.

Ziel des Turniers: in Kontakt kommen

Einer der Verantwortlichen für das Turnier ist Carsten Schmucker. Der groß gewachsene Übungsleiter spielt selbst im Team der Frankfurter Vollzugsbeamten mit und sorgt mit seinen Mitarbeitern auch während des übrigen Jahres für Abwechslung im Haftalltag: „Für die Häftlinge ist so ein Tag wie eine ‚Flucht‘. Es ist für die Jungs schon sehr wichtig, dass sie mal wieder das Gefühl haben, nicht hinter Gittern zu sein. Und sie freuen sich natürlich auch, mal Gewinner zu sein.“

Tatsächlich fühlt sich das Fußballspielen auch gegen die Häftlingsmannschaften an wie immer. Foul, kleine Entschuldigung oder ein ausgestreckter Arm zum Hochziehen vom Hallenboden. Wären da nicht die Gitter vor allen Fenstern und die Notwendigkeit, für jeden Gang in die Umkleidekabine einen Vollzugsbeamten fragen zu müssen, der allein den Schlüssel für die Tür hat. Für die anderen Pfarrer und mich ist diese Unselbständigkeit im Gefängnis eine markante Erfahrung. Sport hin oder her: wir sind in einem Gefängnis. Wenn die Siegerehrung zu Ende ist, geht für die Häftlinge der Alltag weiter. Und auch für uns Besucher. Aber bis dahin bleibt noch Zeit.

Fußball zeigt Respekt

Für Carsten Schmucker, den Organisator des Turniers, geht es bei dem Turnier vor allem um Spaß für die Insassen. Den macht ihnen laut Schmucker aber vor allem der Respekt, den sie von den anderen Teams entgegen gebracht bekämen. Die interessieren sich für sie, kommen für sie in die JVA und haben mit ihnen einen schönen Tag. Und dass diesmal auch die Pfarrer der EKHN mitspielen, findet Schmucker gut: „Das ist super, denn die Seelsorger sind ja hier im Gefängnis auch eine ganz wichtige Institution und das zeigt sich heute auch beim Turnier. Schön, dass die Häftlinge mit den Pfarrern noch mehr in Kontakt kommen.“

Wissenswertes über die JVA Frankfurt

Der Komplexteil der JVA Frankfurt im Stadtteil Preungesheim, in dem das Turnier stattfand, wurde im August 2011 eröffnet. Zurzeit befinden sich etwa 600 Insassen im neuen Komplex. Der wurde nach neuesten Sicherheitsstandards gebaut und gilt als absolut ausbruchssicher. Bis zu dreimal pro Woche nutzen die Häftlinge das Sportprogramm, das neben Beschäftigungstherapie und der Arbeit in Werkstätten oder bezahlten häuslichen Tätigkeiten den Alltag der Häftlinge abwechslungsreicher gestalten soll. Laut Staatskirchenvertrag in Hessen ist in hessischen Gefängnissen immer auch eine kirchlich oder staatlich finanzierte Seelsorge vorgesehen. Im Untersuchungsgefängnis Frankfurt ist dies zurzeit Lotte Jung.