FRANKFURT. Max und Julius Lehmann sind begeisterte Fans der Frankfurter Eintracht. Der ältere Bruder Max, geboren 1904 in Frankfurt, übernimmt auch etliche Ämter im Verein. Julius, das Nesthäkchen der Familie (geboren 1914), spielt in diversen Fußball-Mannschaften im rot-schwarzen Trikot mit dem Adler und ist generell als „guter Kerl“ geschätzt. Martha Wertheimer ist Journalistin und Schriftstellerin und als Fechterin Mitglied der Turnabteilung von Eintracht Frankfurt. Was sie eint: Sie sind Juden. Und werden nach 1933 von den Nationalsozialisten verfolgt, drangsaliert und (wie im Fall von Jule Lehmann und Martha Wertheimer) wohl auch ermordet.

Drei Beispiele von 50. Drei von 50 Biografien von Mitgliedern der Frankfurter Eintracht. Vorgestellt vom Eintracht-Frankfurt-Museum. „50 Eintrachtler“ heißt die Sammlung von Lebensläufen, die Museumsleiter Matthias Thoma mit seinen Helfern in viel Kleinarbeit zusammengetragen hat. Jedem Mitglied ist ein individuell gestaltetes, auf die Lebensumstände und Person passendes „Erinnerungsblatt“ gewidmet. Gesammelt sind sie in einer grauen Box. „Die Dokumentation ,50 Eintrachtler‘ beschäftigt sich schwerpunktmäßig mit den Schicksalen jüdischer Vereinsmitglieder während des Nationalsozialismus“, heißt es in einem Begleitschreiben. „Bislang haben wir 30 Biografien fertiggestellt“, berichtet Museumsleiter Thoma. Dabei sind auch aktuelle Vereinsmitglieder aufgenommen, die über ihre persönliche Geschichte einen Bezug zum Thema haben. Und erstmals dokumentiert sind auch die jüdischen Vereinstoten des Ersten Weltkriegs.

Das alles stellt Thoma vor, als der Arbeitskreis Kirche und Sport der EKHN bei einem seiner turnusgemäßen Treffen bei ihm und bei Eugen Eckert in der Stadionkapelle der Fußball-Arena im Frankfurter Stadtwald Station macht. Dass jeder Besucher dabei eine Box samt Inhalt mit auf den Heimweg nehmen darf, versteht sich.

Bis zum 27. Januar 2016 soll die 50-teilige Sammlung vollständig vorliegen – in Erinnerung an die Befreiung des Konzentrationslagers Birkenau ist der 27. Januar seit 2005 von der Generalversammlung der Vereinten Nationen zum Internationalen Tag des Gedenkens an die Opfer des Holocaust proklamiert worden. „Die Eintracht hat eine jüdische Tradition“, weist Matthias Thomas auf sein 2007 erschienenes Buch „Wir waren die Juddebube“ hin. Er muss aber eingestehen, dass die Erinnerung an die ehemaligen jüdischen Vereinsmitglieder erst seit wenigen Jahren intensiver gepflegt wird. Dabei hat Thoma festgestellt, dass der Großteil der Überlebenden noch eine enge Bindung an die Eintracht hatte, selbst wenn diese nach 1945 auf anderen Kontinenten lebten.

Aber jetzt die Lebenslinien der jüdischen Vereinsmitglieder aufzuzeigen, sei ein schwieriges Unterfangen, berichtet er. Schließlich seien meist nur wenige Unterlagen vorhanden und gebe es kaum noch Zeitgenossen, die aus diesen Jahren erzählen könnten.

Dabei gingen die Eintracht-Verantwortlichen in den verschiedenen Abteilungen nach 1933 noch lange eher lasch mit der Kündigung der Mitgliedschaft und Rausschmissen aus dem Verein um. Erst nach 1936, nach den Olympischen Spielen in Deutschland, habe es auch in diesem Verein einen „strengeren Umgang mit jüdischen Sportlern“ gegeben, sagt Thoma. Erst jetzt sei der Arierparagraf entschiedener umgesetzt worden, berichtet der Museumsleiter.

Matthias Thoma steht seit 2007 an der Spitze des Museums im Erdgeschoss der Commerzbank-Arena. Damit war die Eintracht einer der ersten Vereine, die sich der Aufgabe der Aufarbeitung der eigenen Geschichte stellte, nachdem im April 2004 der Hamburger SV den Vorreiter gespielt hatte. „Inzwischen hat der Druck zur Beschäftigung mit ihrer Geschichte auf viele Vereine stark zugenommen, auch durch die Fans“, berichtet der engagierte Sporthistoriker.

Und an Interesse mangelt es auch nicht, weder am Museum, noch an den zusammengestellten Biografien. Sie würden viel mit Jugendlichen und mit Schulklassen arbeiten, erzählt Thoma. Eines der Beispiele zur Aufarbeitung ist die Geschichte von Julius Lehmann, dem ehemaligen Fußballer der Frankfurter Eintracht. Es würde ihm sicherlich gefallen, dem guten Kerl.

Artikel von Albert Mehl.